Bernhard Schlink: Der Vorleser

Der_Vorleser_-_detebe_22953_1997Erschienen: 1995

Verlag: Diogenes

Genre: Roman

ISBN: 3-257-22953-4

Klappentext:
Sie ist reizbar, rätselhaft und viel älter als er… und sie wird seine erste Leidenschaft. Eines Tages ist sie spurlos verschwunden. Erst Jahre später sieht er sie wieder – als Angeklagte im Gerichtssaal. Die fast kriminalistische Erforschung einer sonderbaren Liebe und bedrängenden Vergangenheit.

Rezension:
Was Literatur-Trends angeht, hinke ich ja immer ein bisschen hinterher und da ich diesen Klassiker nicht einmal in der Schule lesen musste, habe ich ihn mir jetzt erst recht vorgenommen. Zwar habe ich den bekannten Film dazu schon gesehen, jedoch ist das ziemlich lange her und ich glaube, damals verstand ich noch nicht so richtig worum es in der Geschichte eigentlich geht. Umso interessanter war es natürlich jetzt das Buch zu lesen und zu verstehen.

Auch wenn man meinen könnte, es sei sinnlos ein Buch zu lesen, dessen Geschichte und Ende man schon kennt, war das im Fall des Vorlesers gar nicht so störend. Schließlich ist ein Buch etwas ganz anderes als ein Film und ich bin mit Vergleichen was das angeht immer sehr vorsichtig.

Überzeugt wurde ich hier einzig und allein von Schlinks Schreibstil. Er umschreibt mit so einer Leichtigkeit, dass man gerade durch die Kapitel fliegt und dennoch erzeugt er ausführliche Umschreibungen mit viel Liebe zum Detail. Sowohl das eine als auch das andere machen für mich ein gutes Buch aus und er schafft es beides gekonnt zu verbinden.

Im Vordergrund steht natürlich der Protagonist und Ich-Erzähler Michael Berg, der uns durch sein vielschichtiges Leben führt und dessen prägsames Gemüt man mehr und mehr zu verstehen lernt. Während ich vorher immer davon ausgegangen bin, dass es im Wesentlichen um seine Liebschaft Hanna Schmitz gehen wird, wurde einem in den vielen Monologen über Schuld, Scham, Angst und Verantwortung klar, das Schlink eigentlich zeigen wollte, was die Begegnung und Erfahrung mit Hanna aus dem zielstrebigen „Jungchen“ gemacht hat und wie sehr ein Mensch ein ganzes Leben prägen kann.

Natürlich kommt Hanna selbst hier auch nicht zu kurz, denn auch was sie betrifft fand ich einige neue Erkenntnisse. Man kann nicht leugnen dass der Holocaust in der zweiten Hälfte des Buches eine immer zentralerer Rolle einnimmt. Und da man dieses Thema in der Schule schon viel zu oft und viel zu trocken durchgekaut hat, hat es hier so einen leicht bitteren Beigeschmack. Aber der Fall von Hanna ist dann doch wieder ein bisschen anders und interessanter.
Schlinks Beschreibung der Gerichtsverhandlungen beleuchten nicht nur die grausame Zeit des Holocausts sehr gut, sondern auch die oft vergessene Zeit danach. Die Ausschwitzprozesse sind ein sehr komplexes Thema, bei dem um die Fragen des Täters, Opfers, Mitläufers oder tatsächlich Schuldigen viel diskutiert werden kann. Das Buch gibt hier einen guten Anstoß sich doch einmal etwas länger mit diesem Thema zu beschäftigen.

Ich bin also in vielerlei Hinsicht von diesem Werk begeistert. Schlink schafft es auf nur 200 Seiten zwei vollkommen unterschiedliche Menschen zu porträtieren, dies in einen historisch interessanten Kontext zu setzten und gleichzeitig eine inspirierende Liebe zur Literatur darzustellen. Am Ende fragt man sich wie das Buch nur so dünn sein kann obwohl doch so viel drin steckt, ohne überladen zu wirken. Nicht ohne Grund schon jetzt eine moderner Klassiker der Weltliteratur.

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